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Tatort Boden – wenn die Erde ihre Geschichte preisgibt
Blaulicht am Wanderparkplatz. Ein Tatort wird abgesperrt. Es werden Beweise gesammelt, die Spuren dürfen nicht verwischt werden. Jedem, der einmal einen Krimi gesehen hat, ist dieses Szenario bekannt. Anhand von Fußabdrücken, Reifenspuren, Stofffasern und selbstverständlich möglichen DNA-Spuren lässt sich ein Verbrechen oft sehr gut rekonstruieren. All diese Informationen kann man bei einem sehr genauen Blick auf den Boden eines Tatorts sammeln. Clevere Ermittler fügen schließlich die Puzzleteile zusammen, um das Verbrechen aufzuklären.
Böden sind lebendige Archive
Was für die Aufklärung packender Kriminalfälle gilt, ist auch für Bodenkundlerinnen und Bodenkundler nichts Neues. Die Spuren in ihren Ermittlungen sind jedoch wesentlich älter. Die Entstehung von nur einem Meter Boden kann mehrere Tausend Jahre dauern. Dabei verändern sich Böden stetig und entwickeln sich – wenn ungestört – immer weiter. Während seiner Entstehung bleiben im Boden, wie bei einem Tatort, unterschiedliche Spuren erhalten. Böden sind daher lebendige Archive, die einen Blick in die vergangenen hunderte bis tausende Jahre ermöglicht.
Archivböden: Speicher der Vergangenheit
Um Böden in dieser Funktion zu würdigen, wurde sogenannter Archivboden von einem Gremium der Deutschen Bodenkundlichen Gesellschaft, des Bundesverbands Boden und des Ingenieurtechnischen Verbandes für Altlastenmanagement und Flächenrecycling zum Boden des Jahres 2026 gewählt. Archivböden sind Böden, die in besonders herausragender Art und Weise Spuren der Vergangenheit bewahren und so einen Blick in die Geschichte ermöglichen. Während der Bodenentwicklung unterliegen die Böden den damaligen Umwelteinflüssen, welche sie in der Tiefe verborgen noch heute widerspiegeln können. Durch Pflanzenreste und Pollen lässt sich beispielsweise die damalige Pflanzenwelt rekonstruieren, welche wiederum Aufschluss über klimatische Bedingungen gibt. Aber auch Strukturen (zum Beispiel Eiskeile) und chemische Analysen geben Hinweise auf die damalige Lebenswelt.
Nahezu unberührt vom Menschen
Archivböden der Naturgeschichte sind in der Regel eher wenig bearbeitet und nahezu unberührt vom Menschen. Neben ihrer bewahrenden Rolle sind Archivböden daher auch in ihrer natürlichen Funktion von großer Bedeutung und schützenswert. Ganz besonders geschützt sind im Natur- und Geopark beispielsweise Moorgebiete, alte Waldstandorte, Böden auf ehemaligen See-Ablagerungen und Paläoböden der Eiszeiten.
Ein Zeugnis der Kulturgeschichte
Neben der Naturgeschichte sind Archivböden jedoch auch Zeugen der Kulturgeschichte. Schon immer hat das menschliche Tun Spuren im Boden hinterlassen. Frühe landwirtschaftliche Nutzung lässt sich beispielsweise an sogenannten Wölbäckern erkennen. Schwarze, verkohlte Überreste finden sich auf Böden, auf denen Kohlenmeiler standen. Und auch die bergbauliche Aktivität im Harz wird durch einen erhöhten Schwermetallgehalt im Boden in Zukunft nachweisbar sein. Böden konservieren außerdem archäologische Funde. Am Römerschlachtfeld Harzhorn beispielsweise konnten die metallischen Artefakte die Zeit nur so gut überdauern, da der Rendzina-Boden (Boden des Jahres 2025) sehr basisch ist und die Funde daher nicht zersetzt.
Informationen aus Natur- und Kulturgeschichte
Um aus Archivböden Informationen aus Natur- und Kulturgeschichte sammeln zu können, ist es wichtig, dass der Boden nicht zerstört wird. Ganz wie an einem Tatort werden die Spuren ansonsten verwischt. Die Reihenfolge von Ereignissen lässt sich nicht mehr nachvollziehen und das Gesamtbild der Geschichte wird schwammig. Aus diesem Grund ist der Boden des Jahren 2026 nicht nur ein Aufruf zur Wahrung der Natur selbst, sondern auch ihrer Geschichte.
Gut zu wissen:
Der Boden unter unseren Füßen ist nicht unbedingt gleich das, was in der Bodenkunde als Boden bezeichnet wird. Ein richtiger Boden entsteht an der Erdoberfläche bei der Verwitterung des darunterliegenden Gesteins. Boden besteht zwar aus festem Material, hat jedoch etliche Poren, die mit Wasser und Luft gefüllt sind. Die Speicherung von Nährstoffen und ihr Kreislauf sind ohne Boden nicht möglich. Etliche Mikroorganismen, Würmer und Insekten nutzen Boden als Lebensraum und tragen maßgeblich zu den Bodenfunktionen bei. Ist ein funktionierender Boden einmal zerstört, kann er nicht wieder hergestellt werden. Der Schutz von Böden ist daher extrem wichtig, um ein funktionierendes Ökosystem zu erhalten. Zu den wichtigsten Funktionen von Boden zählen das Regulieren des Wasserhaushalts, das Filtern des Grundwassers sowie das Speichern von Kohlenstoff und Nährstoffen.